Marie war ein nicht ganz normales Mädchen und ging in die dritte Klasse ihrer Grundschule. Von einigen Mitschülern wurde sie manchmal etwas skeptisch beobachtet. Ihre Kleidung entsprach auch nicht dem, was man als normal bezeichnen konnte. Sie trug ein langes, braunes Kleid, das fast ihre Knöchel berührte und am Saum gezackt eingeschnitten war. Aus den kurzen Ärmeln ihre Bluse schaute ein Langarm-Shirt hervor. Meist bunte Wollstrümpfe und knöchelhohe Lederschuhe rundeten ihr Erscheinungsbild ab. Aus ihren roten Haaren ragten zwei lange Zöpfe hervor. Dazu trug sie auf dem Kopf eine rot, grün, braun – gestrickte Mütze und auf der Nase eine Brille mit großen, runden Gläsern. Marie jedoch fühlte sich wohl dabei und es war ihr ganz egal, wie die anderen Kinder über sie dachten.
Außer Nelly! Ihre Freundin.
Nelly fand es gar nicht mal so schlimm, wie Marie sich kleidete. Für Nelly war es nur wichtig, das die beiden befreundet waren, jede Menge Spaß hatten und viele Dinge gemeinsam machten.
Marie hatte ein besonderes Hobby, die Zauberei. Sie bekam zum Geburtstag ein Buch über Hexen und Gespenster geschenkt. Das Buch war sehr spannend und seit dem interessierte sie sich fürs Zaubern. Sie las die Bücher darüber mit Begeisterung. Alles, was mit Magie und Zauberei zu tun hatte, war für sie etwas Besonderes. Wenn andere Kinder am Computer saßen oder Comics lasen, versetzte sich Marie durch diese Bücher in eine Zauberwelt. Deshalb hatte sie sich mit ihrer Kleidung und ihrer Frisur so zurecht gemacht, dass sie einer Hexe im Buch ähnlich sah. Obwohl Marie und Nelly dick befreundet waren, wusste Nelly noch nichts von Maries Hobby. Denn Marie konnte ein bisschen zaubern. Sie war mit ihren Eltern auf einem Trödelmarkt gewesen und sah dort einen Zauberkasten, den sie gerne haben wollte. Nach einigem Handeln mit dem Trödler kauften die Eltern ihr dann diesen Zauberkasten. Marie konnte es kaum erwarten, ihn zu Hause auszuprobieren. Zuerst las sie sich die Gebrauchsanleitung durch. Sie war ja gespannt, wie die Zaubertricks funktionierten. Dann versuchte sie die leichten Übungen nachzumachen und siehe da – es ging – sie konnte zaubern. Jeden Tag probierte sie einen neuen Trick aus. Bis sie alle Zaubereien aus dem Kasten beherrschte. Da war noch die Sache mit Nelly.
„Soll ich ihr sagen, dass ich zaubern kann, oder nicht?“, dachte Marie. Sie zweifelte, weil sie nicht wusste, wie Nelly darüber dachte. „Ich werde es ihr sagen, wenn der Zeitpunkt günstig ist“, dachte sie. Dann kam ihr der Zufall zu Hilfe. Nelly hatte bald Geburtstag. Über ein Geschenk machte sich Marie keine Gedanken. Da es ein Kindergeburtstag war, würde sie für Nelly einen Überraschungsauftritt als Zauberin vorbereiten. Damit erledigte sie zwei Dinge auf einmal. Erstens hatte sie ein Geschenk für ihre beste Freundin und zweitens wusste Nelly dann, dass sie zaubern konnte. So kam sie über die für sie schwere Entscheidung hinweg, es ihr sagen zu müssen.
Dieser Gedanke gefiel ihr immer besser. Den Auftritt als Zauberin musste sich Marie gut überlegen und sich entsprechend darauf vorbereiten. Da war noch die Frage, mit welchen Zaubertricks sie auftreten sollte. Reichten die Zaubertricks aus dem Zauberkasten aus, oder sollte sie neue hinzulernen. Sie saß in ihrem Zimmer an ihrem Schreibtisch und schaute zum Fenster hinaus, als sich diese Gedanken in ihrem Kopf vertieften. Doch diese musste sie erst mal verdrängen, weil Nelly zu ihr kommen wollte. Sie hatten sich verabredet, um gemeinsam für die am nächsten Tag bevorstehende Klassenarbeit zu lernen. In Mathematik war sie nur Durchschnitt. Deswegen wollte sie sich mit Nelly auf die Mathe-Arbeit vorbereiten, weil sie in dem Fach besser war.
Maries Blick war noch immer nach draußen gewand. In ihr strömten die Gedanken plötzlich alle durcheinander. Sie schüttelte kurz ihren Kopf, um wieder in die Realität zurückzukehren. Etwas erschrocken war sie schon, denn so etwas hatte sie noch nie erlebt. In diesem Moment klingelte es an der Wohnungstür. Das muss Nelly sein, dachte sie, immer etwas überpünktlich, aber besser, als zu spät zu kommen.
„Hallo, Nelly!“, begrüßte Marie ihre beste Freundin.
„Hallo, Marie! Schon Mathe gelernt?“, erwiderte sie.
„Bis jetzt noch nicht. Ich hatte andere Gedanken im Kopf!“
Gut, das Nelly keine Gedanken lesen konnte, sonst wäre die Geburtstagsüberraschung wohl geplatzt.
„Lass uns anfangen, für die Arbeit zu lernen“, meinte Marie. Sie hatte noch den Wunsch, bei dem schönen warmen Wetter draußen zu spielen. Deswegen drückte sie ein bisschen aufs Tempo.
„Hast du es eilig?“, fragte Nelly.
„ Ja, ich möchte draußen noch ein bisschen spielen.“
„Gut dann beeilen wir uns!“
Für Marie waren diese Aufgaben nicht so einfach zu lösen. Doch mit Nellys Hilfe ging es dann doch ziemlich schnell. Für den nächsten Schultag waren die beiden auf jeden Fall vorbereitet.
Dann hielt die beiden nichts mehr auf. Ganz schnell wurden die Hefte und Bücher in die Schultasche gepackt und schon waren sie draußen.
„Was machen wir nun?“, fragte Nelly.
„Wir können zum Spielplatz gehen. Vielleicht sind ein paar Kinder aus unserer Klasse dort“, schlug Marie vor. Nicht ganz uneigennützig machte sie diesen Vorschlag. Sie hoffte, einen bestimmten Jungen aus ihrer Klasse dort zu treffen. Obwohl sie erst 9 Jahre alt war, hatte sie sich doch schon ein bisschen verliebt. Er hieß Yannick, kam aus einer gutbürgerlichen Familie und war gut erzogen. Marie hatte ihn seit einiger Zeit ein wenig beobachtet und sie fand seine Höflichkeit anderen gegenüber sehr gut und auch außergewöhnlich. Allerdings hatte sie nicht den Eindruck, dass Yannick sich für sie interessierte. Doch das konnte man ändern. Sie wusste auch schon wie.
Als sie am Spielplatz ankamen, war keiner aus ihrer Klasse dort. Nur ein paar Mütter waren mit ihren Kindern anwesend.
„Niemand hier! Und was machen wir nun?“, meinte Nelly etwas gelangweilt.
„Hier ist nichts los. Wir fahren in die Stadt, vielleicht treffen wir dort jemanden“, machte Marie den Vorschlag.
Auf dem Weg dorthin hatten die beiden eine Menge Spaß. Sie machten Scherze über alle, lachten und hatten sich immer etwas zu erzählen. Plötzlich sprach Nelly ihren Geburtstag an.
“Weißt du schon, was du mir zum Geburtstag schenkst?“
Marie erzählte nur, dass es eine Überraschung wird. Damit war Nellys Neugier auf das Äußerste geweckt worden.
Sie löcherte Marie mit Fragen, wie etwa: Wie groß ist das Geschenk? Wie schwer ist es? Ist es etwas zum Spielen oder zum Anziehen? u.s.w. Marie konnte sehr gut schweigen, sie würde sich niemals verraten.
„Du kannst fragen, soviel du willst. Ich werde nichts über mein Geschenk verraten. Ich werde dir jedoch was zum Denken geben. Mein Geschenk ist außergewöhnlich und man kann es nicht einpacken!“, versuchte Marie den Fragenschwall ihrer Freundin zu unterdrücken.
„Okay, okay, dann werde ich dich nicht mehr fragen und mich überraschen lassen“, sagte Nelly und schaute gelangweilt in die Auslagen der Schaufenster der Geschäfte, an denen sie vorbeigingen.
Das Gesprächsthema Geburtstag war hiermit erledigt. Sie schlenderten gut gelaunt durch die Fußgängerzone, als Ihnen jemand auf die Schulter klopfte.
„Na, ihr zwei! Wo wollt ihr denn hingehen?“, fragte jemand. Als sie sich umdrehten, waren es zwei Jungen aus ihrer Klasse, die sie ansprachen.
„Also, genau wissen wir es nicht“, sagte Marie und schaute direkt in die blauen Augen von Yannick. Ein wenig verzückt und schüchtern war sie schon.
„Habt ihr einen Vorschlag?“ , beteiligte sich Nelly auch an diesem Gespräch.
„Eigentlich nicht“, sagten beide Jungen fast gleichzeitig. Sie schlenderten noch eine Weile durch die Stadt und trennten sich danach.
Marie und Nelly gingen zurück nach Hause. Sie wollten noch ein wenig spielen, oder irgendetwas anderes anstellen.
Zuhause angekommen, konnte Nelly es sich nicht verkneifen noch einmal das Thema auf ihren Geburtstag zu lenken. Marie jedoch schwieg sich darüber weiter aus.
Die Mathematikarbeit am nächsten Tag verlief für Marie ganz gut. Sie war ja durch Nelly gut vorbereitet worden. Nach der Schule bereitete sie sich jeden Nachmittag auf ihren Zauberauftritt vor. Sie übte Kartentricks, ließ Gegenstände verschwinden und zauberte Sachen aus dem Zylinder, die vorher anscheinend noch nicht darin waren. Sie übte immer und immer wieder, denn ihr Auftritt sollte perfekt werden.
Am Tag vor dem Geburtstag wollte Marie von ihrer Freundin Nelly wissen, wen sie denn alles eingeladen hat.
„Naja, ein paar aus unserer Klasse, die Kinder aus der Nachbarschaft und meine Kusine werden mitfeiern. Hast du mein Geschenk schon?“, wollte Nelly wissen.
„Natürlich, ich sage dir aber immer noch nicht, was ich für dich habe. Immerhin soll es eine Überraschung werden.“
„Ich bin nun mal ein bisschen neugierig und auch aufgeregt wegen meines Geburtstags!“
Nelly wirkte sehr angespannt.
Insgeheim hoffte Marie, dass auch Yannick auf der
Geburtstagsfeier anwesend sein würde. Sie plante, ihn an ihrem Auftritt zu beteiligen. So hatte sie immerhin die Möglichkeit, ihm näher zukommen. Der nächste Tag begann für Nelly sehr aufregend. Schon zuhause wurde sie von ihren Eltern beglückwünscht und in der Schule ging es dann weiter. Nelly sehnte für diesen Tag das Schulende herbei. Sie freute sich auf ihre Geburtstagsfeier.
Die Schulstunden wurden länger und länger, dann war Nelly froh, als die Schule zu Ende war. Als sie endlich zu Hause ankam, hatte ihre Mutter schon alles vorbereitet. Am Nachmittag kamen nach und nach die Kinder. Sie gratulierten und überreichten Nelly die Geschenke. Marie kam zum Schluss. Sie hatte Nellys Mutter eingeweiht und die Zauberutensilien in der Wohnung versteckt. Marie gratulierte und umarmte Ihre Freundin. Ein kleines Geschenk hatte Marie trotzdem noch mitgebracht. Eine CD von Nellys Lieblings-Boygroup.
„Oh, die habe ich mir schon lange gewünscht“, jubelte Nelly und bedankte sich mit einer Umarmung bei ihrer Freundin.
„Das ist aber noch nicht alles. Die Überraschung wirst du gleich erleben“, sagte Marie und sie gingen Arm in Arm zu den Geburtstagsgästen.
Zuerst wurde aber die Torte angeschnitten. Nelly musste vorher die Kerzen auspusten. Dann bereitete sich Marie auf ihren Auftritt vor. Sie ging in Nellys Zimmer, wo sie die Zaubersachen aufbewahrt hatte, um die Vorbereitungen zu treffen.
Sie brauchte nicht allzu lange, nur die Utensilien bereitlegen, alles noch einmal im Geiste durchspielen, dass war alles.
Marie ging ins Wohnzimmer zu den anderen Kindern. Es herrschte eine fröhliche und ausgelassene Stimmung. Einige Kinder spielten, andere tobten herum und die nächsten machten einfach nur Späße.
„Darf ich euch mal eben darum bitten, ruhig zu sein“, rief Marie und musste sich wegen der lärmenden Kinder erstmal Gehör verschaffen. So langsam beruhigten sich alle, dank der Mithilfe von Nelly, die ja auf ihre Überraschung wartete.
„Ich habe noch ein Geburtstagsgeschenk für Nelly, das ich ihr gerne vorführen möchte. Dazu möchte ich euch bitten, mit mir in Nellys Zimmer zu gehen“, sagte Marie mit etwas zittriger Stimme. Natürlich war sie etwas aufgeregt und nervös. Ein Zauberauftritt vor Publikum war für sie das erste Mal. Nach und nach nahmen alle Kinder ihren Platz in dem Zimmer ein. Als alle anwesend waren und es ruhiger geworden war, betrat Marie den Raum. Sie war als Zauberin verkleidet mit einem dunkelblauen Mantel, verziert mit goldenen und silbernen Sternen. Nelly und die anderen Kinder schauten sie erstaunt und etwas ungläubig an.
Marie stellte sich an ihren Platz, an dem auch ein kleiner Tisch für die Zauberartikel stand.
„Liebe Nelly, ich möchte dich nicht länger warten lassen. Du bist seit Tagen schon sehr neugierig auf meine Überraschung. Ich möchte dir nun zeigen, was ich die letzten Wochen geübt habe.“
„Liebe Kinder, ich möchte euch nun ein paar Zaubertricks vorführen!“, begann Marie ihre Einleitung.
Marie machte es sehr gut. Sie hatte eifrig gelernt und beherrschte die Tricks aus dem Zauberkasten. Der Applaus ließ nicht lange auf sich warten. Den besten Zaubertrick verwarte sie sich bis zum Schluss auf.
„Ich brauche nun jemanden, der mir bei einem Trick ein bisschen hilft“, sagte Marie zu den Kindern und schaute dabei Yannick in die Augen. Es reckten sich mehrere Hände in die Höhe, doch Marie entschied sich für ihn. „Hallo Yannick“, begann Marie.
„Du brauchst mir nur ein wenig helfen. Es ist nicht schwer.“
Marie war schon sehr aufgeregt, denn das sie ihm einmal so nahe stehen würde, damit hatte sie nicht gerechnet.
„Schau dir dieses Tuch an und achte darauf, was ich damit mache!“ Sie knüllte das Tuch in ihren beiden Händen zusammen und hielt es ihm hin.
„Was glaubst du, wo sich das Tuch jetzt befindet?“
„Es ist noch in deinen Händen“, antwortete Yannick.
„Glaubst du das?“
„Ehrlich, ich weiß es nicht“, sagte er.
„Öffne bitte meine Hände“, forderte sie ihn auf.
Er tat es und die Überraschung war perfekt. Die Hände waren leer. Marie bemerkte bei allen Anwesenden nun erstaunte Blicke.
„Möchtest du wissen, wo sich das Tuch befindet?“
„Ja! natürlich“, sagte Yannick auch mit einem erstaunten Blick.
„Dann schau mal auf meinen linken Ärmel“, meinte Marie.
Sie zog nun ein Stück Stoff hervor. Es kam ein blaues Tuch zum Vorschein, wo sie doch ein rotes hatte verschwinden lassen.
„Ziehe es bitte heraus“, forderte Marie ihn auf. Yannick zog und zog, doch das Tuch wollte einfach kein Ende nehmen. Dann plötzlich war es heraus. Marie fühlte sich erleichtert, bedankte sich bei Yannick für seine Hilfe und war froh, dass der Anfang – ihm überhaupt einmal näher gekommen zu sein– gemacht war.
Für ihren gelungenen Auftritt als Zauberin bekam Marie reichlich Applaus. Kurz danach war die Geburtstagsfeier dann auch zu Ende. Nelly bedankte sich herzlich bei Marie.
„Seit wann kannst du zaubern?“, wollte Nelly wissen und war ein wenig überrascht.
„Meine Eltern haben mir einen Zauberkasten gekauft und damit habe ich geübt. So kam ich auf die Idee mit deinem Geburtstagsgeschenk.“
„ Super Idee“, sagte Nelly.
Beide blieben noch ein bisschen zusammen und Nelly genoss ihren Tag. Der nächste würde wieder eintönig werden. Schule, Hausaufgaben und danach überlegen, was man an dem Tag noch unternehmen soll.
Am nächsten Tag würde sich jedoch einiges ändern. Doch weder Marie und auf keinen Fall Nelly konnten es ahnen. Marie hatte Marie war ein nicht ganz normales Mädchen und ging in die dritte Klasse ihrer Grundschule. Von einigen Mitschülern wurde sie manchmal etwas skeptisch beobachtet. Ihre Kleidung entsprach auch nicht dem, was man als normal bezeichnen konnte. Sie trug ein langes, braunes Kleid, das fast ihre Knöchel berührte und am Saum gezackt eingeschnitten war. Aus den kurzen Ärmeln ihre Bluse schaute ein Langarm-Shirt hervor. Meist bunte Wollstrümpfe und knöchelhohe Lederschuhe rundeten ihr Erscheinungsbild ab. Aus ihren roten Haaren ragten zwei lange Zöpfe hervor. Dazu trug sie auf dem Kopf eine rot, grün, braun – gestrickte Mütze und auf der Nase eine Brille mit großen, runden Gläsern. Marie jedoch fühlte sich wohl dabei und es war ihr ganz egal, wie die anderen Kinder über sie dachten.
Außer Nelly! Ihre Freundin.
Nelly fand es gar nicht mal so schlimm, wie Marie sich kleidete. Für Nelly war es nur wichtig, das die beiden befreundet waren, jede Menge Spaß hatten und viele Dinge gemeinsam machten.
Marie hatte ein besonderes Hobby, die Zauberei. Sie bekam zum Geburtstag ein Buch über Hexen und Gespenster geschenkt. Das Buch war sehr spannend und seit dem interessierte sie sich fürs Zaubern. Sie las die Bücher darüber mit Begeisterung. Alles, was mit Magie und Zauberei zu tun hatte, war für sie etwas Besonderes. Wenn andere Kinder am Computer saßen oder Comics lasen, versetzte sich Marie durch diese Bücher in eine Zauberwelt. Deshalb hatte sie sich mit ihrer Kleidung und ihrer Frisur so zurecht gemacht, dass sie einer Hexe im Buch ähnlich sah. Obwohl Marie und Nelly dick befreundet waren, wusste Nelly noch nichts von Maries Hobby. Denn Marie konnte ein bisschen zaubern. Sie war mit ihren Eltern auf einem Trödelmarkt gewesen und sah dort einen Zauberkasten, den sie gerne haben wollte. Nach einigem Handeln mit dem Trödler kauften die Eltern ihr dann diesen Zauberkasten. Marie konnte es kaum erwarten, ihn zu Hause auszuprobieren. Zuerst las sie sich die Gebrauchsanleitung durch. Sie war ja gespannt, wie die Zaubertricks funktionierten. Dann versuchte sie die leichten Übungen nachzumachen und siehe da – es ging – sie konnte zaubern. Jeden Tag probierte sie einen neuen Trick aus. Bis sie alle Zaubereien aus dem Kasten beherrschte. Da war noch die Sache mit Nelly.
„Soll ich ihr sagen, dass ich zaubern kann, oder nicht?“, dachte Marie. Sie zweifelte, weil sie nicht wusste, wie Nelly darüber dachte. „Ich werde es ihr sagen, wenn der Zeitpunkt günstig ist“, dachte sie. Dann kam ihr der Zufall zu Hilfe. Nelly hatte bald Geburtstag. Über ein Geschenk machte sich Marie keine Gedanken. Da es ein Kindergeburtstag war, würde sie für Nelly einen Überraschungsauftritt als Zauberin vorbereiten. Damit erledigte sie zwei Dinge auf einmal. Erstens hatte sie ein Geschenk für ihre beste Freundin und zweitens wusste Nelly dann, dass sie zaubern konnte. So kam sie über die für sie schwere Entscheidung hinweg, es ihr sagen zu müssen.
Dieser Gedanke gefiel ihr immer besser. Den Auftritt als Zauberin musste sich Marie gut überlegen und sich entsprechend darauf vorbereiten. Da war noch die Frage, mit welchen Zaubertricks sie auftreten sollte. Reichten die Zaubertricks aus dem Zauberkasten aus, oder sollte sie neue hinzulernen. Sie saß in ihrem Zimmer an ihrem Schreibtisch und schaute zum Fenster hinaus, als sich diese Gedanken in ihrem Kopf vertieften. Doch diese musste sie erst mal verdrängen, weil Nelly zu ihr kommen wollte. Sie hatten sich verabredet, um gemeinsam für die am nächsten Tag bevorstehende Klassenarbeit zu lernen. In Mathematik war sie nur Durchschnitt. Deswegen wollte sie sich mit Nelly auf die Mathe-Arbeit vorbereiten, weil sie in dem Fach besser war.
Maries Blick war noch immer nach draußen gewand. In ihr strömten die Gedanken plötzlich alle durcheinander. Sie schüttelte kurz ihren Kopf, um wieder in die Realität zurückzukehren. Etwas erschrocken war sie schon, denn so etwas hatte sie noch nie erlebt. In diesem Moment klingelte es an der Wohnungstür. Das muss Nelly sein, dachte sie, immer etwas überpünktlich, aber besser, als zu spät zu kommen.
„Hallo, Nelly!“, begrüßte Marie ihre beste Freundin.
„Hallo, Marie! Schon Mathe gelernt?“, erwiderte sie.
„Bis jetzt noch nicht. Ich hatte andere Gedanken im Kopf!“
Gut, das Nelly keine Gedanken lesen konnte, sonst wäre die Geburtstagsüberraschung wohl geplatzt.
„Lass uns anfangen, für die Arbeit zu lernen“, meinte Marie. Sie hatte noch den Wunsch, bei dem schönen warmen Wetter draußen zu spielen. Deswegen drückte sie ein bisschen aufs Tempo.
„Hast du es eilig?“, fragte Nelly.
„ Ja, ich möchte draußen noch ein bisschen spielen.“
„Gut dann beeilen wir uns!“
Für Marie waren diese Aufgaben nicht so einfach zu lösen. Doch mit Nellys Hilfe ging es dann doch ziemlich schnell. Für den nächsten Schultag waren die beiden auf jeden Fall vorbereitet.
Dann hielt die beiden nichts mehr auf. Ganz schnell wurden die Hefte und Bücher in die Schultasche gepackt und schon waren sie draußen.
„Was machen wir nun?“, fragte Nelly.
„Wir können zum Spielplatz gehen. Vielleicht sind ein paar Kinder aus unserer Klasse dort“, schlug Marie vor. Nicht ganz uneigennützig machte sie diesen Vorschlag. Sie hoffte, einen bestimmten Jungen aus ihrer Klasse dort zu treffen. Obwohl sie erst 9 Jahre alt war, hatte sie sich doch schon ein bisschen verliebt. Er hieß Yannick, kam aus einer gutbürgerlichen Familie und war gut erzogen. Marie hatte ihn seit einiger Zeit ein wenig beobachtet und sie fand seine Höflichkeit anderen gegenüber sehr gut und auch außergewöhnlich. Allerdings hatte sie nicht den Eindruck, dass Yannick sich für sie interessierte. Doch das konnte man ändern. Sie wusste auch schon wie.
Als sie am Spielplatz ankamen, war keiner aus ihrer Klasse dort. Nur ein paar Mütter waren mit ihren Kindern anwesend.
„Niemand hier! Und was machen wir nun?“, meinte Nelly etwas gelangweilt.
„Hier ist nichts los. Wir fahren in die Stadt, vielleicht treffen wir dort jemanden“, machte Marie den Vorschlag.
Auf dem Weg dorthin hatten die beiden eine Menge Spaß. Sie machten Scherze über alle, lachten und hatten sich immer etwas zu erzählen. Plötzlich sprach Nelly ihren Geburtstag an.
“Weißt du schon, was du mir zum Geburtstag schenkst?“
Marie erzählte nur, dass es eine Überraschung wird. Damit war Nellys Neugier auf das Äußerste geweckt worden.
Sie löcherte Marie mit Fragen, wie etwa: Wie groß ist das Geschenk? Wie schwer ist es? Ist es etwas zum Spielen oder zum Anziehen? u.s.w. Marie konnte sehr gut schweigen, sie würde sich niemals verraten.
„Du kannst fragen, soviel du willst. Ich werde nichts über mein Geschenk verraten. Ich werde dir jedoch was zum Denken geben. Mein Geschenk ist außergewöhnlich und man kann es nicht einpacken!“, versuchte Marie den Fragenschwall ihrer Freundin zu unterdrücken.
„Okay, okay, dann werde ich dich nicht mehr fragen und mich überraschen lassen“, sagte Nelly und schaute gelangweilt in die Auslagen der Schaufenster der Geschäfte, an denen sie vorbeigingen.
Das Gesprächsthema Geburtstag war hiermit erledigt. Sie schlenderten gut gelaunt durch die Fußgängerzone, als Ihnen jemand auf die Schulter klopfte.
„Na, ihr zwei! Wo wollt ihr denn hingehen?“, fragte jemand. Als sie sich umdrehten, waren es zwei Jungen aus ihrer Klasse, die sie ansprachen.
„Also, genau wissen wir es nicht“, sagte Marie und schaute direkt in die blauen Augen von Yannick. Ein wenig verzückt und schüchtern war sie schon.
„Habt ihr einen Vorschlag?“ , beteiligte sich Nelly auch an diesem Gespräch.
„Eigentlich nicht“, sagten beide Jungen fast gleichzeitig. Sie schlenderten noch eine Weile durch die Stadt und trennten sich danach.
Marie und Nelly gingen zurück nach Hause. Sie wollten noch ein wenig spielen, oder irgendetwas anderes anstellen.
Zuhause angekommen, konnte Nelly es sich nicht verkneifen noch einmal das Thema auf ihren Geburtstag zu lenken. Marie jedoch schwieg sich darüber weiter aus.
Die Mathematikarbeit am nächsten Tag verlief für Marie ganz gut. Sie war ja durch Nelly gut vorbereitet worden. Nach der Schule bereitete sie sich jeden Nachmittag auf ihren Zauberauftritt vor. Sie übte Kartentricks, ließ Gegenstände verschwinden und zauberte Sachen aus dem Zylinder, die vorher anscheinend noch nicht darin waren. Sie übte immer und immer wieder, denn ihr Auftritt sollte perfekt werden.
Am Tag vor dem Geburtstag wollte Marie von ihrer Freundin Nelly wissen, wen sie denn alles eingeladen hat.
„Naja, ein paar aus unserer Klasse, die Kinder aus der Nachbarschaft und meine Kusine werden mitfeiern. Hast du mein Geschenk schon?“, wollte Nelly wissen.
„Natürlich, ich sage dir aber immer noch nicht, was ich für dich habe. Immerhin soll es eine Überraschung werden.“
„Ich bin nun mal ein bisschen neugierig und auch aufgeregt wegen meines Geburtstags!“
Nelly wirkte sehr angespannt.
Insgeheim hoffte Marie, dass auch Yannick auf der
Geburtstagsfeier anwesend sein würde. Sie plante, ihn an ihrem Auftritt zu beteiligen. So hatte sie immerhin die Möglichkeit, ihm näher zukommen. Der nächste Tag begann für Nelly sehr aufregend. Schon zuhause wurde sie von ihren Eltern beglückwünscht und in der Schule ging es dann weiter. Nelly sehnte für diesen Tag das Schulende herbei. Sie freute sich auf ihre Geburtstagsfeier.
Die Schulstunden wurden länger und länger, dann war Nelly froh, als die Schule zu Ende war. Als sie endlich zu Hause ankam, hatte ihre Mutter schon alles vorbereitet. Am Nachmittag kamen nach und nach die Kinder. Sie gratulierten und überreichten Nelly die Geschenke. Marie kam zum Schluss. Sie hatte Nellys Mutter eingeweiht und die Zauberutensilien in der Wohnung versteckt. Marie gratulierte und umarmte Ihre Freundin. Ein kleines Geschenk hatte Marie trotzdem noch mitgebracht. Eine CD von Nellys Lieblings-Boygroup.
„Oh, die habe ich mir schon lange gewünscht“, jubelte Nelly und bedankte sich mit einer Umarmung bei ihrer Freundin.
„Das ist aber noch nicht alles. Die Überraschung wirst du gleich erleben“, sagte Marie und sie gingen Arm in Arm zu den Geburtstagsgästen.
Zuerst wurde aber die Torte angeschnitten. Nelly musste vorher die Kerzen auspusten. Dann bereitete sich Marie auf ihren Auftritt vor. Sie ging in Nellys Zimmer, wo sie die Zaubersachen aufbewahrt hatte, um die Vorbereitungen zu treffen.
Sie brauchte nicht allzu lange, nur die Utensilien bereitlegen, alles noch einmal im Geiste durchspielen, dass war alles.
Marie ging ins Wohnzimmer zu den anderen Kindern. Es herrschte eine fröhliche und ausgelassene Stimmung. Einige Kinder spielten, andere tobten herum und die nächsten machten einfach nur Späße.
„Darf ich euch mal eben darum bitten, ruhig zu sein“, rief Marie und musste sich wegen der lärmenden Kinder erstmal Gehör verschaffen. So langsam beruhigten sich alle, dank der Mithilfe von Nelly, die ja auf ihre Überraschung wartete.
„Ich habe noch ein Geburtstagsgeschenk für Nelly, das ich ihr gerne vorführen möchte. Dazu möchte ich euch bitten, mit mir in Nellys Zimmer zu gehen“, sagte Marie mit etwas zittriger Stimme. Natürlich war sie etwas aufgeregt und nervös. Ein Zauberauftritt vor Publikum war für sie das erste Mal. Nach und nach nahmen alle Kinder ihren Platz in dem Zimmer ein. Als alle anwesend waren und es ruhiger geworden war, betrat Marie den Raum. Sie war als Zauberin verkleidet mit einem dunkelblauen Mantel, verziert mit goldenen und silbernen Sternen. Nelly und die anderen Kinder schauten sie erstaunt und etwas ungläubig an.
Marie stellte sich an ihren Platz, an dem auch ein kleiner Tisch für die Zauberartikel stand.
„Liebe Nelly, ich möchte dich nicht länger warten lassen. Du bist seit Tagen schon sehr neugierig auf meine Überraschung. Ich möchte dir nun zeigen, was ich die letzten Wochen geübt habe.“
„Liebe Kinder, ich möchte euch nun ein paar Zaubertricks vorführen!“, begann Marie ihre Einleitung.
Marie machte es sehr gut. Sie hatte eifrig gelernt und beherrschte die Tricks aus dem Zauberkasten. Der Applaus ließ nicht lange auf sich warten. Den besten Zaubertrick verwarte sie sich bis zum Schluss auf.
„Ich brauche nun jemanden, der mir bei einem Trick ein bisschen hilft“, sagte Marie zu den Kindern und schaute dabei Yannick in die Augen. Es reckten sich mehrere Hände in die Höhe, doch Marie entschied sich für ihn. „Hallo Yannick“, begann Marie.
„Du brauchst mir nur ein wenig helfen. Es ist nicht schwer.“
Marie war schon sehr aufgeregt, denn das sie ihm einmal so nahe stehen würde, damit hatte sie nicht gerechnet.
„Schau dir dieses Tuch an und achte darauf, was ich damit mache!“ Sie knüllte das Tuch in ihren beiden Händen zusammen und hielt es ihm hin.
„Was glaubst du, wo sich das Tuch jetzt befindet?“
„Es ist noch in deinen Händen“, antwortete Yannick.
„Glaubst du das?“
„Ehrlich, ich weiß es nicht“, sagte er.
„Öffne bitte meine Hände“, forderte sie ihn auf.
Er tat es und die Überraschung war perfekt. Die Hände waren leer. Marie bemerkte bei allen Anwesenden nun erstaunte Blicke.
„Möchtest du wissen, wo sich das Tuch befindet?“
„Ja! natürlich“, sagte Yannick auch mit einem erstaunten Blick.
„Dann schau mal auf meinen linken Ärmel“, meinte Marie.
Sie zog nun ein Stück Stoff hervor. Es kam ein blaues Tuch zum Vorschein, wo sie doch ein rotes hatte verschwinden lassen.
„Ziehe es bitte heraus“, forderte Marie ihn auf. Yannick zog und zog, doch das Tuch wollte einfach kein Ende nehmen. Dann plötzlich war es heraus. Marie fühlte sich erleichtert, bedankte sich bei Yannick für seine Hilfe und war froh, dass der Anfang – ihm überhaupt einmal näher gekommen zu sein– gemacht war.
Für ihren gelungenen Auftritt als Zauberin bekam Marie reichlich Applaus. Kurz danach war die Geburtstagsfeier dann auch zu Ende. Nelly bedankte sich herzlich bei Marie.
„Seit wann kannst du zaubern?“, wollte Nelly wissen und war ein wenig überrascht.
„Meine Eltern haben mir einen Zauberkasten gekauft und damit habe ich geübt. So kam ich auf die Idee mit deinem Geburtstagsgeschenk.“
„ Super Idee“, sagte Nelly.
Beide blieben noch ein bisschen zusammen und Nelly genoss ihren Tag. Der nächste würde wieder eintönig werden. Schule, Hausaufgaben und danach überlegen, was man an dem Tag noch unternehmen soll.
Am nächsten Tag würde sich jedoch einiges ändern. Doch weder Marie und auf keinen Fall Nelly konnten es ahnen.